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Flugzeugabsturz. Hundert Tote.
Zwölf Prozent die Kinderquote.
Fernseher ist der Hiobsbote.
Geseh'n. Gezappt. Vergessen.
Kleines Mädchen schwer geschändet.
In der Nacht ist sie verendet.
Junges Leben jäh verschwendet.
Geseh'n. Gezappt. Vergessen.
Fernseher aus. Das Fenster grau.
Siehst drin dein Gesicht genau.
Kannst ruhig deinen Augen trau'n.
Geseh'n?
Zwölf Prozent die Kinderquote.
Fernseher ist der Hiobsbote.
Geseh'n. Gezappt. Vergessen.
Kleines Mädchen schwer geschändet.
In der Nacht ist sie verendet.
Junges Leben jäh verschwendet.
Geseh'n. Gezappt. Vergessen.
Fernseher aus. Das Fenster grau.
Siehst drin dein Gesicht genau.
Kannst ruhig deinen Augen trau'n.
Geseh'n?
#4
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Fernseher
in Gesellschaft 28.03.2006 09:03von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi Kermit,
gefällt mir auch. Ist das die leichte Kost, von der Du sprachst? Dann macht mir der Gedanke an Schwergewichte von Dir Angst
...
Ich mag auch die formale Umsetzung bei Deinen Zeilen: die Trochäen der jeweiligen ersten drei Zeilen haben etwas treibendes. Unterstützt durch die kurzen Sätze und Schlagworte ist diese Bombardement von Informationen gut nachempfindbar. In der jeweils letzten Zeil nimmst Du dann mit den Jamben geschickt Tempo raus. Das ist clever gemacht...
Die letzte Strophe finde ich aber etwas unschön zu lesen. Formal ist es eigentlich sauber, allerdings befinden sich Fallstricke darin, in denen ich mich auch nach mehrmaligen Lesen zu verheddern drohe. Ich denke, da sind mehrere Dinge dran schuld, die unglücklich zusammenwirken:
Den "Fernseh(e)r" darf man nicht wie geschrieben aussprechen, sondern man muss das letzte "e" verschlucken. Da man zu desem Zeitpunkt den Rhythmus Deines Gedichtes jedoch schon verinnerlicht hat, stellt diese in der Umgangssprache übliche Aussprache jedoch kein Problem dar.
Im Gegensatz zu den anderen Strophen findet man hier männliche Kadenzen am Ende. Diese Betonung am Ende lädt dazu ein (bislang wechselten sich ja auch sonst in den ersten Zeilen Hebungen und Senkungen auch über das Zeilenende hinweg ab), die ersten Worte der nachfolgenden Zeilen ("siehst" und "kannst") unbetont zu lesen, was wegen ihrer Einsilbigkeit ja auch machbar ist. In Str3/ Z2 wirft es einen dann beim "Gesicht" aus der Bahn. Str3/Z3 ist sogar noch tückischer:
"Kannst ruhig deinen Augen trau'n. "
XxXxXxX
-->Man muss also "ruig" einsilbig lesen. Ist ja eigentlich auch kein Problem, nur wenn man als Leser eh schon am Schlingern ist, wird es schwer. Zumal man diese Zeile auch vollständig jambisch lesen kann, dies fast näher liegt:
"Kannst ru-hig deinen Augen trau'n. "
xXxXxXxX
Würdest Du zu Beginn einer der Zeilen ein (mehrsilbiges) Wort einbauen, dass einen hinsichtlich der Metrik eindeutig einen Weg zuweist, ließen sich diese Stellen besser lesen, denke ich. Vielleicht ist das ja aber sogar Absicht von Dir, quasi die formale Umsetzung der Trochäen des irrealen Fernsehens zu den Jamben der Realität (ich muss gerade grinsen wegen dieses leicht abstrusen Satzes
). Da bliebe in meinen Augen aber die Wirkung hinter dem Gedanken zurück. Du hast ja schon einen Gegenpunkt gesetzt mit der jeweils letzten Zeile, alles weitere ist eher verwirrend und geht auf Kosten der (meiner) Lesbarkeit.
Das Ende gefällt mir übrigens ansonsten sehr gut. Sich und die reale Welt kann man eben nicht ohne weiteres Wegzappen oder Vergessen...
Gefällt mir alles in allem sehr gut, gern gelesen.
Don
gefällt mir auch. Ist das die leichte Kost, von der Du sprachst? Dann macht mir der Gedanke an Schwergewichte von Dir Angst
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Ich mag auch die formale Umsetzung bei Deinen Zeilen: die Trochäen der jeweiligen ersten drei Zeilen haben etwas treibendes. Unterstützt durch die kurzen Sätze und Schlagworte ist diese Bombardement von Informationen gut nachempfindbar. In der jeweils letzten Zeil nimmst Du dann mit den Jamben geschickt Tempo raus. Das ist clever gemacht...
Die letzte Strophe finde ich aber etwas unschön zu lesen. Formal ist es eigentlich sauber, allerdings befinden sich Fallstricke darin, in denen ich mich auch nach mehrmaligen Lesen zu verheddern drohe. Ich denke, da sind mehrere Dinge dran schuld, die unglücklich zusammenwirken:
Den "Fernseh(e)r" darf man nicht wie geschrieben aussprechen, sondern man muss das letzte "e" verschlucken. Da man zu desem Zeitpunkt den Rhythmus Deines Gedichtes jedoch schon verinnerlicht hat, stellt diese in der Umgangssprache übliche Aussprache jedoch kein Problem dar.
Im Gegensatz zu den anderen Strophen findet man hier männliche Kadenzen am Ende. Diese Betonung am Ende lädt dazu ein (bislang wechselten sich ja auch sonst in den ersten Zeilen Hebungen und Senkungen auch über das Zeilenende hinweg ab), die ersten Worte der nachfolgenden Zeilen ("siehst" und "kannst") unbetont zu lesen, was wegen ihrer Einsilbigkeit ja auch machbar ist. In Str3/ Z2 wirft es einen dann beim "Gesicht" aus der Bahn. Str3/Z3 ist sogar noch tückischer:
"Kannst ruhig deinen Augen trau'n. "
XxXxXxX
-->Man muss also "ruig" einsilbig lesen. Ist ja eigentlich auch kein Problem, nur wenn man als Leser eh schon am Schlingern ist, wird es schwer. Zumal man diese Zeile auch vollständig jambisch lesen kann, dies fast näher liegt:
"Kannst ru-hig deinen Augen trau'n. "
xXxXxXxX
Würdest Du zu Beginn einer der Zeilen ein (mehrsilbiges) Wort einbauen, dass einen hinsichtlich der Metrik eindeutig einen Weg zuweist, ließen sich diese Stellen besser lesen, denke ich. Vielleicht ist das ja aber sogar Absicht von Dir, quasi die formale Umsetzung der Trochäen des irrealen Fernsehens zu den Jamben der Realität (ich muss gerade grinsen wegen dieses leicht abstrusen Satzes
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Das Ende gefällt mir übrigens ansonsten sehr gut. Sich und die reale Welt kann man eben nicht ohne weiteres Wegzappen oder Vergessen...
Gefällt mir alles in allem sehr gut, gern gelesen.
Don
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@ all: Danke für's Lesen/ Kommentieren.
@ gemini: Ich wollte ein Gedicht im Telegramm-Still verfassen: Kurze Sätze, schlagwortartig. Ich habe beim Schreiben des Gedichts immer wieder an das Nachrichten-Laufband auf N24 gedacht und mir überlegt, wieviele der dort stehenden Worte bei mir ankommen. Und, naja, "Der Fernseher" ist dabei rausgekommen.
@Don: Wow, sind deine Auseinandersetzungen mit Gedichten immer so umfangreich? Ich fühle mich richtig geehrt, dass du dich so sehr mit dem Gedicht beschäftigt hast.
Leichte Kost ist es für mich, weil es , glaube ich, beim ersten Mal Lesen zu verstehen ist. Das Gedicht ist beinahe frei von Metaphern.
Zu "Fernseher" und "ruhig": Ich muss das so schreiben, denn es sieht einfach nur blöd aus, wenn ich diese Worte apostrophiere. Zuerst hatte ich mal "Fernsehr" geschrieben. Doch nachdem jemand dieses Wort als Mittelding zwischen "Fernseher" und "sehr fern" interpretierte, wollte ich das doch nicht mehr.
Zum Rhytmus in den letzten zwei Versen: Ähem, ich könnte jetzt natürlich behaupten, dass das pure Absicht war und ich stundenlang gegrübelt habe, wie ich das Tempo aus dem Lesefluss kriege und gleichzeitig kunstvoll Inhalt und Form verbinde und mir dieser vorletzte Vers am geeignetsten erschien. In Wirklichkeit war's aber nur purer Zufall. Vielleicht ist beim Gedichte schreiben eine gute Portion Zufall/ Glück gar nicht so verkehrt. Wenn ich daran denke, was für unmögliche Worte mir beim Schreiben schon eingefallen sind, die dann auch noch am Ende passten...
@ gemini: Ich wollte ein Gedicht im Telegramm-Still verfassen: Kurze Sätze, schlagwortartig. Ich habe beim Schreiben des Gedichts immer wieder an das Nachrichten-Laufband auf N24 gedacht und mir überlegt, wieviele der dort stehenden Worte bei mir ankommen. Und, naja, "Der Fernseher" ist dabei rausgekommen.
@Don: Wow, sind deine Auseinandersetzungen mit Gedichten immer so umfangreich? Ich fühle mich richtig geehrt, dass du dich so sehr mit dem Gedicht beschäftigt hast.
Leichte Kost ist es für mich, weil es , glaube ich, beim ersten Mal Lesen zu verstehen ist. Das Gedicht ist beinahe frei von Metaphern.
Zu "Fernseher" und "ruhig": Ich muss das so schreiben, denn es sieht einfach nur blöd aus, wenn ich diese Worte apostrophiere. Zuerst hatte ich mal "Fernsehr" geschrieben. Doch nachdem jemand dieses Wort als Mittelding zwischen "Fernseher" und "sehr fern" interpretierte, wollte ich das doch nicht mehr.
Zum Rhytmus in den letzten zwei Versen: Ähem, ich könnte jetzt natürlich behaupten, dass das pure Absicht war und ich stundenlang gegrübelt habe, wie ich das Tempo aus dem Lesefluss kriege und gleichzeitig kunstvoll Inhalt und Form verbinde und mir dieser vorletzte Vers am geeignetsten erschien. In Wirklichkeit war's aber nur purer Zufall. Vielleicht ist beim Gedichte schreiben eine gute Portion Zufall/ Glück gar nicht so verkehrt. Wenn ich daran denke, was für unmögliche Worte mir beim Schreiben schon eingefallen sind, die dann auch noch am Ende passten...
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